500 Pflanzen gesammelt und photographiert- Amateur-Botaniker Jung arbeitet mit
wissenschaftlicher Genauigkeit
Vormwald, 12. März.
Vor Jahren war es, da hatten zwei alte Damen, die als Kurgäste ins Siegerland gekommen waren, in der Nähe von Vormwald ein furchtbares Erlebnis. In der Wiese, zwischen Büschen und Gras, bewegte sich in gebückter Haltung ein Mann. Längere Zeit kniete er bewegungslos vor einem Grasbüschel, rutschte ein Stück zur Seite und kauerte wieder minutenlang am Boden. „Plötzlich holte er ein meterlanges Messer hervor und stach es vor sich in den Boden“, berichteten die beiden Frauen aufgeregt im Dorf, nachdem sie sich in Sicherheit gebracht hatten. Die Vormwalder schmunzelten, denn sie wussten gleich Bescheid: Die ängstlichen Spaziergängerinnen waren dem passionierten Amateur- Botaniker Aribert Jung aus Vormwald begegnet und hatten sein blitzendes Photostativ für eine schreckliche Waffe gehalten.
   Die Leute von Vormwald selbst haben sich natürlich längst an ihren Mitbürger Aribert Jung und seine ausgedehnten Streifzüge durch Feld und Wald gewöhnt; sein großes Hobby, das Sammeln von Pflanzensamen, erscheint ihnen nicht mehr gar so verwunderlich. Selbst wer für eine so ausgefallene Sache nur wenig Verständnis aufbringt, kennt und schätzt den 39jährigen Jung als respektablen Hausbesitzer, Familienvater und soliden Bundesbahnbeamten, der gewissenhaft seinen Dienst als Fahrdienstleiter im Ferndorfer Bahnhof versieht.
   Den größten Teil seiner Freizeit verwendet Aribert Jung auf seine Samensammlung in Feld und Wald oder auch bei der Bearbeitung und Auswertung zu Hause. Unser Photo zeigt ihn bei der Prüfung seines Bestandes; vor ihm auf dem Tisch sind einige der selbstgefertigten Kästchen zu sehen, in denen Jung seine Samengläser aufbewahrt
   Schließlich gibt es heute viele Leute, die nebenbei ein Hobby betreiben, warum also nicht auch einmal Samensammeln? Aber nur wenige wissen, dass Jungs Freizeitbeschäftigung weit über den Rahmen dessen hinausgeht, was man im allgemeinen unter einem Hobby versteht, etwa Briefmarkenoder Bierdeckelsammeln. Seine Spezialisierung auf Pflanzensamen kommt nämlich nicht von ungefähr: Er arbeitet an seiner Sammlung mit wissenschaftlicher Gründlichkeit, systematisch und mit ganzer Hingabe, denn seine Samensammlung und die damit verbundenen botanischen Studien sind ihm zu einer Lebensaufgabe geworden. Zu seinem großen Bedauern steht Jung allerdings mit seiner Sammlung allein auf weiter Flur. So gerne er mit anderen Sammlern in Kontakt treten würde: Bisher hat er noch von keinem gehört, der mehr als eine ganz spezielle Sammlung mit sehr begrenzten Zielsetzungen besäße; etwa ein Pharmazeut mit Heilpflanzensamen. Auf der anderen Seite ist diese „Monopolstellung“ natürlich ein guter Grund, mit noch größerer Intensität die Sammlung weiterzuführen, und ein Beweis, dass die Sammlertätigkeit sicher nicht überflüssig ist, sondern eine wichtige Aufgabe, an deren Lösung es sich zu arbeiten lohnt. Obwohl Jung inzwischen – er sammelt seit etwa zehn Jahren – etwa 500 Samenarten zusammengetragen, bestimmt, konserviert und ausgewertet hat, ist er sich darüber klar, dass er im Laufe seines Lebens keine absolute Vollzähligkeit aller Arten in unserem Raume erreichen kann. Darum hofft er, dass eines seiner Kinder einmal seine Arbeit übernehmen und weiterführen wird.

Samenkörner werden getrocknet

Dem Laien kann die Zahl von 500 Samenarten natürlich wenig sagen. Man stellt sich vor, dass man einfach an einem Wiesenrain vorbeigeht, hier ein paar Dolden und da ein paar Rispen abrupft und die Samen dann zu Hause abfüllt und die Namen dazuschreibt. Ganz so einfach geht es dann doch nicht. Was man auf diese Weise zusammen bekäme, müsste nach ein paar Wochen verschimmelt weggeworfen werden. Jedes Samenkorn muss mit großer Sorgfalt getrocknet werden, bis ihm der letzte Rest von Feuchtigkeit entzogen ist, dann werden die verlesenen Samen jeweils einer Art in ein kleines Fläschchen gefüllt, das mit einer Kapsel luftdicht verschlossen wird. Auf einem Klebezettel wird der Name der Pflanze und die Nummer des Sammelbuches vermerkt, in diesem Buch erhält der Samen dann seinen genauen Steckbrief mit Fundort, wissenschaftlicher Bezeichnung, Familienzugehörigkeit und ähnlichen Angaben. Bei manchen Spielarten ist das gar nicht so einfach, aber in die Sammlung wird kein Samen aufgenommen, der nicht mit absoluter Sicherheit bestimmt werden kann.

Umfangreich Farbdia-Sammlung

Trotz aller wissenschaftlichen Gründlichkeit ist Aribert Jung keineswegs nur Sammler um des Sammelns und Katalogisierens willen. Sein Interesse geht weit über das eines Samen-Archivars hinaus. Mehr als die Vollzähligkeit und Systematik seiner Sammlung fesselt ihn der Formen- und Farbenreichtum dieser kleinen Welt, die er sich zusammengetragen und aufgebaut hat. Und damit nicht nur er selbst mit Lupe und Pinzette an der Schönheit seiner oft staubfreien Körnchen freuen kann, sondern auch andere eine Vorstellung davon erhalten, hat er als meisterlicher Photograph zu seiner Samensammlung auch eine umfangreiche Farbdia-Sammlung angelegt, die die Samen und die dzugehörigen Blüten und Pflanzen auf der Leinwand sichtbar werden lassen. Stecknadelkopfgroße Körnchen zeigen in vieltausendfacher Vergrößerung ihr unverwechselbares Gesicht, charakteristische Furchungen, Farbnuancen, kristalline „Ausschwitzungen“.Eine Vielfalt von Formen und Farben unterscheidet die unscheinbaren Gebilde: Eine Art ist sogar dabei, die sich im Reifezustand wie ein kleiner Igel zusammenrollt und ihren Stachelpelz um sich spreizt: das Samenkorn der Roten Lichtnelke.

Nahaufnahmen nur bei absoluter Windstille

Wer als Amateurphotograph schon einmal einen Blumengarten „geknipst“ hat, wird vielleicht denken, allzu schwer könne es mit der Pflanzenphotographie eigentlich nicht sein. Jung, der früher auch mit anderen Motiven bei internationalen Wettbewerben 1. Preise holte, ist da ganz anderer Ansicht. Es kommt darauf an, besonders typische Exemplare herauszufinden, außerdem soll die Pflanze so, wie sie in ihrem natürlichen Lebensraum steht, von der Kamera erfasst werden, denn die notwendige Schärfe und Farbtreue ergibt sich nur bei langen Belichtungszeiten. Photographiert werden kann daher nur mit Stativ, und dazu muss die Pflanze ganz „stillhalten“. Große Geduld verlangt es vor allem, charakteristische Eigenschaften der Pflanzen im Bild festzuhalten. Die Samenkapsel des Ackergauchheils zum Beispiel hat die Fähigkeit, bei trockenem Wetter das Deckelhütchen, das die Kapsel oben verschließt, abzusprengen, ähnlich wie ein Düsenjägerpilot das Kabinendach seiner Maschine wegsprengt, bevor er den Schleudersitz betätigt. Jung hat in einem seiner herrlichen Photos diesen Augenblick erwischt, und zwar gelang ihm dieser meisterhafte Schnappschuss mit einem kleinen Trick: Mit einem Brennglas „kitzelte“ er die Kapsel so lange, bis der Sprengmechanismus ausgelöst wurde und das Hütchen hochsprang.
    Die Samen photographiert Jung mit einem selbstgebauten Mikroskop, einer 15-mm-Kino-Optik. Dabei beträgt der Normalabstand zwischen Objekt und Objektiv zwischen einem und einem halben Zentimeter. Das Samenkorn liegt dabei auf einem Spiegel, der mit einer 500-Watt-Birne ausgeleuchtet wird. Photographiert wird nicht das Samenkorn selbst, sondern sein Spiegelbild. In der riesigen Vergrößerung auf der Projektionsleinwand erscheint dann der winzige Samen gut erkennbar in seiner ganzen Mikrostruktur; Schönheiten, die mit dem Auge verschlossen waren, werden sichtbar gemacht.
   Aribert Jung stammt aus einer alten Lehrerfamilie, daher ist es nicht verwunderlich, dass es ihm große Freude macht, auch die Schulkinder in die Farb- und Formenwelt der Pflanzen einzuführen. „Den Schulen fehlt doch oft das Anschauungsmaterial. Ich habe mich schon gelegentlich für Lichtbildervorträge zur Verfügung gestellt, die den Kindern immer große Freude gemacht haben. Ich wäre auch gerne bereit, für die Schulen kleinere Sammlungen zusammenzustellen“.

Bericht aus der Siegener Zeitung 12. März 1966

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok