Der Bauer Heide, Hof Schreiberg

Seit 1934, als das neue Reichsjagdgesetz erschien, kämpfte ich in Wort und Schrift um die Erhaltung der Brackenjagd. Dunkle Mächte, die es schon immer gab, versuchten, die mehr als tausendjährige Brackenjagd kaltzumachen. Menschen sind es, die ohne jegliche Tradition „Auch-Jäger“ geworden sind; Beamte ohne Ar und Halm, die Gesetze machen, sich über alte Sitten und Gebräuche hinwegsetzen und sich anmaßen, über das Eigentum bodenständiger Menschen zu verfügen.
   Gegen solche Erscheinungen Front zu machen, war mir ein großes Bedürfnis, obschon drohend in der Ferne die KzL. winkten; denn wenn ich in einem Schriftsatz an das Jagdamt in Berlin ausführte, der deutsche Jäger sei wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt werde und seinen Mund nicht auftäte, so war das zuviel gesagt. Auch brachte ich zum Ausdruck, dass der größte Prozentsatz der deutschen Jäger gegen das neue Reichsjagdgesetz eingestellt sei; denn die Aufartung des Schalenwildes durch Wahlabschuß, namentlich des Rehwildes, die Bevormundung durch die neu eingesetzte Jagdbehörde und vieles mehr seien unsinnige Maßnahmen und und setzten böses Blut. „Die Jagd und die Jägerei ist nicht mehr schön“ hörte man immer wieder in den Reihen der Jäger. Aber man las und hörte von oben: Alles ist vollkommen. Weil auf jedem Gebiet die Wahrheit nach „Oben“ nicht mehr durchkam, so brachten die so genannten „kleinen Hitler“ Deutschland langsam aber sicher an den Abgrund.
   Die jagdliche Regelung nach Beendigung des 2. Weltkrieges, die den deutschen Jägern die Waffe nahm, brachte nun erst recht Verbitterung in die Herzen der Jäger. Die Hoffnung auf Erfüllung größerer jagdlicher Rechte im Hinblick auf die Schwarzwildplage ist einer bitteren Enttäuschung gewichen.
   Meine Aufsätze brachten mir viele Freunde. Man las in der Siegener Zeitung nicht allein in der Heimat, sondern auch an allen Fronten. Viele Zuschriften bekam ich, die mich ermunterten, weiter zu schreiben. Einen besonders originellen Brief erhielt ich von einem Siegerländer, der schon Jahre fern den heimatlichen Bergen auf Rügen lebte. Er soll mit seiner Zustimmung am Schlusse dieser Ausführungen im Original folgen. Der Dialekt ist zwar nicht mehr ganz bodenecht, aber des Schreibers Herz ist noch echt „sejjerlännisch“. Er empfindet fern der Heimat, was er verloren hat, was einst war und heute nicht mehr ist. Der Siegerländer, der noch in seinen heimatlichen Bergen lebt, empfindet das weniger. Aber der Brief am Schluss wird ihn aufrütteln und dringend mahnen, doch nun in Treue festzuhalten an dem Erbgut unserer Väter, an dem wenigen, was noch da ist.
   Wo bist Du hingekommen, einst freier germanischer Jäger und Dein Hund. Nur ein armes Häslein und ein böses Füchslein darfst Du noch jagen, das andere ist zu gut für Dich. O, du armes Zeitalter der Bürokratie und der Überorganisation! Was ist übrig geblieben von deiner ruhmvollen Vergangenheit? Aus der Zeit, als die Hunde das gestellte Wild ansprangen und ihren Herrn deckten, der, in Tierfelle gehüllt, so mit Steinbeil, Keule oder Spieß dem wehrhaften Gegner den Todesstoß versetzen konnte, selbst jeden Augenblick dem Tode preisgegeben.
   Und tausend Jahre später, in der Blütezeit der Ritter, waren der Bracke und der Falke die besten Jagdgenossen. Von Burg zu Burg zogen die wandernden Sänger und besangen sie in herrlichen Liedern, und ein normannischer Ritter prägte den Vers:

Da gab es für das Ohr ein solches Genießen,
Daß niemand, der da geht auf zwei Füßen,
Nicht eingeständ die unerhörte Melodie.
Wer niemals hörte solche Jagd,
Weiß nicht, was sie für Freude macht!

   Wer von allen Jägern hat eine solche Tradition wie der Brackenjäger und sein Hund. Darauf können wir heute noch stolz sein.
  Und nun der Brief:
                                                             .........., den 22.2.43
Ech sin e Säjjerlänner on ha mech öwer Er Ofsatz e dr Siegener Zeitung „ Es klingt ein Lied“, e dem va Afang bes zo Enn de Bracke jä on lüre, on dä m'r emmer werrer durch den Kopp gehrt, sehr gefröjjt. Dat es alles so lang her, awer do kamer nix mache, sowat hält, glaub ech, e ganz Läwe. No sin ech a god Stöck jönger als Se, denn wie mer noch met Vorderladern schoß, do schwomm ech noch e der Ferndorf.
  Zo minner erste Jägerzitt wor scho der Landrat on Jagdbehörde on wä sech noch all e os Krommischte, dä en gar nix ageng, gäje de hochbeinige Bracke egestallt. Domols wor der Wilhelm Ermert noch off dr Geisweid; man nannte en den „Brackenkönig“, dä hatte noch dä große Holzbracke. Et worne öwerhaupt nur noch einzelne, die mit hocbeinigen Bracken jäten. Doch genog, dat ech da ahle Melodie net vergesse ha on net vergesse wern.
   Met minem Onkel Karl vom Böhl, met dä Böschergrönner on met Otterbachs Ed. va Owerholzklau, die all noch rechtige Bracke hatten, sin ech vel op dr Jagd gewäse, domals hatten mir daheim de zwei letzte Steinbracke, de rechtige Wißbonte, dat eine war en Hündin, die der Vatter uß der Olper Gäjend mo metbrochte on da deren Jong, dä wor noch besser, hä heß Milan. Der Milan hat öfter so Dourn henne e det Kölsche gemacht, wenn mer em Holzklauer – Böhler – Böschergrönner Revier zogang worn. Eimol kom hä net zoröck, on kein Mensch hat en werrergeseh, sin Knoche hät mr spärer e ner Schleng fonne. Sitt der Zitt hatte mer da nur noch Dachsbracke. Ech well dogäje nix säh, awer met dem Milan war doch de Romantik vorbi, die Romantik, die Se so schä brenge, wie Se sä, dat der al Hüttenhain e Nererholzklau noch en einziger Has e dr Jagd hatte. Alle Romantik wäre kei Romantik, wenn se net zoend geng, mer weiß jo erscht hennerher, wa se einem gewäse es, de schörne ahle Zitt.
   Dr Landrat on all de annern em Sejerland Zogereiste hatten jo scho e beßche recht, wenn se meinten, do wär op de Dur nix met dä hochbeinige Bracke, wenn mer em Sejerland, dat doch wirklich vor de Reh wie geschaffe es, och en ordentlicher Rehbestand ha wöll. Dat es all schö on god, hat awer nix domet zo do, dat mer die ahle Zitt met erläbte met ose Bracke, grad die Jagd vor de allerschörnste hahle, de et öwerhaupt göt!
   On wenn ech, wo ech allerwäje gejäht hat, met Jägern zosamme wor, de rechtige Jäger och worn, da han ech owends bim Wachholler (dä nennt sech sonst wo Steinhäger) va ose Bracke verzählrt, on wenn mich da einer begreffe hät, dä hät och min Heimweh begriffe konn. Se schriewe do va Bracke e Norwege, de noch so jä wie ose ahle Holzbracke. Do derfe Se aber net die vergesse do onne em Steirerland on erscht recht net der henne em Hochgebirge e dr Schweiz. Do ha ech se geseh on gehört. De worn noch rechtig. Mr heißt se de „Hurleur“, dat heißt so vel wie Heuler, weil sich da so ahört wie how – huw – how – huw, ömmer so zwo Töne, die de Melodie usmache. Grad die Schweizer ha mr so god gefalln, dat ech so vor mich he träume, am lewste met solche Hönn em Sejjerland jä mochte.
   Min Vatter ha Se geweß gekannt, dä hätt och emmer gejäht e Obersetze, Klowend, Böhl, Langehollekuse. On so wat stecht eimol em Blot on drom sin ech och geweß als einziger Sejerlänner zu so nem Berof komme. Do sin ech no scho 15 Johr bi. Em Sommer laufe e dr Farm emmer so ogefähr 1000 Selverföß. Fröher, wie noch net sone schwarze Zitt wor, machte dat Spaß, ho wird dat va Tag zo Tag schwerer, de all zä forern on zä pfläge.
   On wenn et mol werrer ruhiger wird op dr Welt on mer da noch läwe, hätte ech Lost, owe op dr Kölsche Hecke, wo ech va minnem Vatter Grond on Wald geerbt ha, en Farm ze baue on dozu e Hus. On do woll ech Owends setze on öwer de wire Sejerlänner Berj gucke on näwer mir solle e paar Bracke leje. On wenn et Wentertag es, da wehl ech de Flente va dr Wand nämme on da sall et losgo dat Gejaid bes henne e det Kölsche. Seh Se, do denk ech mer dat us on wen ech tausendmal annehme moß, dat alles ganz annersch kömmt.

Bericht der Siegener Zeitung 09. Januar 1950

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