500 Jahre Freier Hof Schreiberg / Leibeigenschaft bis zu Napoleons Zeiten
Vormwald.
1461, das war elf Jahre nach der Erfindung der Buchdruckerkunst und 22 Jahre vor der Geburt Martin Luthers. Noch waren Amerika und der Seeweg nach Indien längst nicht entdeckt. Vor 500 Jahren also, in einer Zeit, die wegen der Türken und der Raubritter keineswegs als die „gute alte“ bezeichnet werden kann, bestand bereits der Hof Schreiberg im heutigen Vormwald. Das geht nicht nur aus der hübsch geschnitzten Holztafel über dem Eingang, sondern auch aus dem Siegener Urkundenbuch hervor. Hier wird 1461 erstmals ein „Heymann zom Schreiberg“ im Kirchspiel Hilchenbach genannt, der zwei Gulden Schatzung bezahlen muss. Ein halbes Jahrtausend (und sicher noch etwas mehr), das ist eine neiderregende Tradition. Die vorhandenen trockenen Urkunden weisen allerdings nach, dass Zeit und Zeitgenossen nicht immer sehr wohlwollend mit den Hofmännern vom Schreiberg umgegangen sind.

Genau genommen, stellt der sogenannte Freie Hof Schreiberg, von dem hier die Rede sein wird, mit seinen rund 100 Morgen nur die Hälfte des alten Anwesens dar. Die Teilung muss um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert vor sich gegangen sein, und den stolzen Beinamen „frei“ erhielt unser Hof 1687, obwohl er erst 1862 wirklich frei wurde. Jahrhundertelang waren nicht nur die jeweiligen Schreiberger, sondern auch die meisten anderen Bauern der Umgebung entweder weltlichen oder geistlichen Herren zinspflichtig und konnten jederzeit, wenn sie mit ihren Abgaben im Rückstand blieben, vom Hofe gewiesen werden. Auch dafür liefern die Archive Beispiele.

Heute von Schienen überdeckt

Das Gehöft Freier Hof Schreiberg liegt heute an der Straße Hilchenbach-Erndtebrück. An den Standort des alten Bauernhauses erinnert nur noch das Backhaus, in dem allerdings nach wie vor Brot gebacken wird. Über den früheren Baugrund laufen Eisenbahnschienen. Seinen Namen hat der Hof nach der Bergnase, die sich auf der anderen Seite der Straße östlich von Hilchenbach zwischen Ferndorf und Wälder Bach schiebt.
   Wilhelm Heide (77), dessen Sohn heute die Wirtschaft führt, ist noch nicht auf dem Freien Hof Schreiberg geboren. Er ist Trupbacher und kam 1916 nach hier, da er eine Tochter des letzten Bauern geheiratet hatte und der einzige Hoferbe vor Verdun gefallen war. Trotzdem ist gerade der Eingeheiratete es gewesen, der in unermüdlicher Arbeit die vorhandenen Unterlagen zusammengetragen und mit der Chronik von Schreiberg zugleich ein Stück bäuerlicher Geschichte des nordöstlichen Siegerlandes aus dem Dunkel gehoben hat.

Tauschhandel mit dem Kloster

Heide weist in seinem Haus die Fotokopie einer im Münsterschen Staatsarchiv ruhenden Urkunde von 1582 vor, die eine der Angelpunkte in der Historie des Hofes ist. Die Schrift bekundet in geschraubtem Stil, dass Johann Graf von Nassau den Hof Schreiberg mit dem Kloster Keppel gegen Keppelsche Güter zu Sinn bei Herborn in selbigen Jahre getauscht hat. Auf diesem Wege kamen die Schreiberger Bauern aus der weltlichen in die geistliche Botmäßigkeit. Das Kloster verpachtete die Ländereien in festem Turnus an die Hofsassen und trieb dafür Abgaben in Form von Geld, Naturalien und Dienstleistungen ein.
   Der Tribut dürfte den hörigen Bauern normalerweise zwar nicht unbedingt an den Lebensnerv gegangen sein, in Krisenzeiten drückte er aber um so schwerer. Eine dieser Depressionen war der 30jährige Krieg, der die Bauern des Siegerlandes erbarmungslos auspoverte. Wir wissen, dass 1636 der Schreiberger Hofmann, Balthasar Krämer mit seiner Frau und dreien seiner Kinder innerhalb weniger Tage von der Pest ereilt wurden. Die Lehnsprotokolle weisen ferner aus, dass in den achtziger Jahren dieses fürchterlichen Jahrhunderts Johannes Krämer, ein Enkel des von der Pest dahingerafften, mit den Abgaben in Verzug kam, so dass er vom Hofe verwiesen werden sollte.

Verzweiflungskampf ums Dasein

Mit einer Bittschrift an den Fürsten hat der verzweifelte Bauer Erfolg. Er darf bleiben; aber ihm bleiben die Schulden! Lediglich vom Zehnten an den Landesherren wurde der Bauer befreit (daher die optimistische Bezeichnung „Freier“ Hof). Anfang des 18. Jahrhunderts scheint es, als müsse der geplagte Hofmann mit seinem Schwiegersohn endgültig zum Bettelstab greifen. Wegen der noch immer nicht voll abgetragenen Schulden wird ihnen gekündigt. Die Stiftsverwaltung bestimmt einen neuen Pächter. In einem zähen und mit allen Mitteln geführten Kampf um den Verbleib obsiegt jedoch schließlich Krämers Eidam.
   Ein Datum, an das sich die zinspflichtigen Bauern im damaligen Großherzogtum Berg (und damit auch die Hofleute von Schreiberg) begreiflicherweise noch lange erinnerten, war der 12. Dezember 1808. An diesem Tag hob Napoleon ihre Leibeigenschaft kurzerhand auf. Lange, nachdem der Korse schon auf St. Helena schmachtete, hing sein Porträt noch in den Stuben der dankbaren „Keppeler Bauern“. Die preußische Praxis, die dem französischen Dekret folgte, sah dann so aus, dass sich die Bauern von ihren Verpflichtungen dem Stift gegenüber loskaufen mussten. Johann Henrich Weiß machte 1862 den Freien Hof Schreiberg wirklich frei, indem er die noch immer an Keppel zu leistende Rente (zuletzt nur noch jährlich zehn Reichstaler) durch Bezahlung des 18fachen Jahresbetrages ablöste. Das Kapital wurde durch die Rentenbank Münster vermittelt.
   Wilhelm Heide (77) ist der vorletzte aus der Reihe der Bauern auf dem Freien Hof Schreiberg. Der Großvater seiner Frau kaufte den Hof noch mit 180 Reichstalern, die er sich bei der Münsterschen Rentenbank borgte, vom Stift Keppel los. Das Schicksal ist in den vergangenen Jahrhunderten nicht immer gut mit den Hofleuten von Schreiberg umgegangen. Den Nachforschungen Heides verdanken wir darüber ein ziemlich genaues Wissen.

Auf ein halbes Jahrtausend urkundlich nachgewiesenen Bestehens kann der Freie Hof Schreiberg in Vormwald in diesem Jahr zurückblicken. Die Hofgebäude haben allerdings nicht immer an diesem Platz gestanden, an der heute die Straße Hilchenbach-Erndtebrück vorbeiführt. Sie standen früher weiter unterhalb. Eisenbahngeleise führen über die Stelle hinweg. Die Wirtschaftskonzession wurde 1864 erteilt.

Bericht aus der Rundschau 1961

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