Seßhaftigkeit und Treue zum Hof – Die Liebe zur Heimat und ihrer Geschichte, zu Feld, Wald
und Wild – Eine vorbildliche Haubergchronik
Vormwald. 13. Dez
. An der Landstraße, die von Hilchenbach bergan nach Lützel führt, steht rechter Hand, kurz hinter der Oberförsterei Hilchenbach, der Freie Hof Schreiberg im Dorfe Vormwald. Groß ist die Zahl der Gäste, die in diesem Hause, über dessen Haustür das einfach gehaltene Schild „Wirtschaft Hof Schreiberg“ steht, schon eingekehrt sind, denn auch heute noch besteht die dem Hof 1864 erteilte Wirtschaftskonzession. Warum der Hof den Namen „Hof Schreiberg“ führt, dürfte den Ortskundigen erklärlich sein. Seinen Namen hat der Hof von dem Schreiberg, einer Bergnase, die sich östlich Hilchenbach in den Winkel zwischen die Ferndorf und den Wälder Bach schiebt. An den rechtem Hang diese Berges liegt heute noch der große Feldbesitz des Hofes. Die Höfe Schreiberg, Sterzenbach und Henkenhube waren Jahrhunderte hindurch ineinander greifender und zusammenhängender Besitz und haben heute noch eine eigene Haubergsgenossenschaft, genannt der Hofes-Hauberg. Wahrscheinlich hat der gesamte Besitz ursprünglich einmal den Herren von Hahne (Hainchen) und den Bickenern gehört, die in Hilchenbach und Umgebung stark begütert waren. Die Zehntpflicht an Herrschaft und Erben hat hier und da noch lange bestanden, Teile des Besitzes gingen an die Grafen von Nassau über (Hof Schreiberg) und an die Kolben von Wilnsdorf (Hof Sterzenbach). Gegen 1600 ist dann das ganze schließlich Keppelsches Eigentum geworden. Wie es zu der Bezeichnung Freier Hof Schreiberg kam, wird noch erwähnt werden.
   Im übrigen verdient geschichtlich hervorgehoben zu werden, dass Hof Schreiberg zum erstenmal 1461 urkundlich erwähnt wird, der Hof 1550 im Besitz der Grafen von Nassau-Siegen und mit zwei Hofmännern besetzt war. Ungewiss ist, wann der Hof zum Kloster Keppel kam. Wahrscheinlich aber haben weder Verkauf noch Schenkung an Keppel stattgefunden. Es ist anzunehmen, dass der Besitzwechsel auf dem Wege des Austausches von gräflichem und Keppelschem Gut erfolgt ist, weil im „Wäller Grund“ beide Rechte sich stark mischten, was zu allerhand Unzuträglichkeiten geführt haben mag. In der Keppelschen Zeit des Hofes entstanden im Laufe der Jahre aus dem einen Hof Schreiberg zwei Höfe. Man unterschied in den Protokollen den „halben Hof Schreiberg“ und den „anderen Hof Schreiberg“. Diese Namensgebung entspricht den Aufzeichnungen in den Hilchenbacher Kirchenbüchern, während die Bevölkerung der damaligen Zeit von dem“vordersten“ und einem „hintersten“ Hof Schreiberg sprach. Der Grund, dass der Hof fortan den Namen“Freier Hof Schreiberg“ führte, ist der, dass nach einem Protokoll vom 5. April 1687 der Hof vom Siegener Fürsten „bis zum ewigen tag“ vom Zehnten befreit wurde. Diese Freistellung vom Zehnten war ein Stück eines Ausgleichs gegen eine Summe, die der Fürst Wilhelm Moritz infolge eines gegenseitigen Güteraustausches Keppel schuldig geblieben war.
   Seit 1861 ist der Freie Hof Schreiberg wirklich frei, indem zwischen dem damaligen Hofmann Johann Wilhelm Weiß und dem Stift Keppel ein Receß über die Ablösung der auf dem Hof zugunsten de Stiftes Keppel hypothekarisch eingetragenen jährlichen Rente, die zuletzt nur noch 10 Reichstaler betrug, erfolgte. Durch Barzahlung des 18fachen Jahresbetrages = 18 mal 10 Taler = 180 Taler wurde die Rente getilgt. Seit Jahrhunderten sind Sippe und Hof vereint. Die Geschichte des Hofes lässt erkennen, dass der Bauer in seinem ganzen Fühlen und Denken ein beharrender Mensch ist, der sich als Glied in einer Kette bäuerlicher Menschen gleichen Schlages und gleichen Namens fühlt. Gerade in unserer Siegerländer Landschaft, wo das Bauerntum einen harten, nimmermüden Kampf um seine eigene Existenz führt, die zunehmende Industrialisierung des Siegerlandes in die Fabriken und Werkstätten lockte, das Geldverdienen immer mehr der Maßstab für die Bewertung der Arbeit wurde und in zunehmendem Maße das Denken des Volkes beherrschte, war es nicht leicht, die bäuerliche Standesfamilie hochzuhalten. Doch die Liebe zur Scholle, die Treue zum Vätererbe, die Kraft des Blutes, des gewaltigen Erbstromes von den Ahnen zu den Kindern, erwiesen sich stärker als der Zug der Zeit zur Industrie, zum städtischen Haushalt. Viermal hintereinander waren Töchter, die sich einen Bauern zum Manne erkoren, die Erbträgerinnen auf dem Hofe. Das bäuerliche Familienleben auf dem Hofe vollzog und vollzieht sich noch immer in wesensecht gehaltenen Räumen und nicht zwischen kitschigen Möbeln und Geschirren. Auch der jetzige Besitzer des Hofes, Wilhelm Heide, zog durch Einheirat 1916 von Trupbach auf den Hof und übernahm ihn im Frühjahr 1918. Im nächsten Jahre wurde er schon Haubergsvorsteher. Das jetzige Hofhaus ist noch nicht alt, es geht auch daraus hervor, dass es an der vor wenig mehr als hundert Jahren gebauten, hochgelegenen Landstraße steht. Die alte Hofstelle lag etwas unterhalb des jetzigen Backhauses, der Bahnkörper führt über sie hinweg.
   Der Hof in seiner äußerlichen Erscheinung sagt dem Betrachter schon so mancherlei. Er ist ein stummer Zeuge der langen und reichen Vergangenheit des Hofes. Wer aber noch tiefer eindringen will in die Geschichte des Hofes und im Zusammenhang damit auch besonders in die Haubergswirtschaft, wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte im Siegerland allgemein und in der Haubergsgenossenschaft Schreiberg-Sterzenbach im besonderen entwickelt hat, muss das Glück haben, einmal Einblick in die von dem Hofbesitzer Wilhelm Heide verfasste Chronik nehmen zu können. Jede Eintragung, ob knapp gefasst, oder ausführlich niedergeschrieben, weist auf einen Menschen hin, der zugleich Bauer, Haubergsvorsteher, Weidmann, Naturschützer und Heimatforscher ist. Aus allem, was er aufgezeichnet hat, spricht die erdverhaftete Naturverbundenheit eines Siegerländer Menschen, der aus Liebe zur Heimat und aus Freude an den heimatlichen Bergen die Verpflichtung in sich fühlte, Heimatgeschichtliches der Nachwelt zu erhalten. Nur so ist es zu verstehen, dass sich der Verfasser der umfassenden, aber auch so dankbaren Aufgabe unterzog, die in so vortrefflicher Weise erfüllt worden ist. Unmittelbare Veranlassung zu der Arbeit war ihm die im Jahre 1929 von Oberforstmeister Sorg und dem Haubergschöffenrat erfolgte Aufforderung an alle Haubergsvorsteher, die augenblicklichen Haubergverhältnisse der Genossenschaften schriftlich niederzulegen und dabei zu berücksichtigen einmal die geschichtliche Entwicklung der Haubergwirtschaft, dann die besonderen Vorkommnisse in Waldbau, Forstschutz und Verwertung der Produkte, des weiteren Veränderungen in der Haubergfläche und den Anteilen sowie Hudefragen. Bei den geschichtlichen Untersuchungen sind Heide behilflich gewesen das Kirchenarchiv Hilchenbach, Akten des Amtsgerichts Hilchenbach, das Stadtarchiv Siegen und das Archiv in Münster, insbesondere Lehrer Ernst Hofmann, Siegen, der auch eine eingehende Abhandlung über die Lehnsverhältnisse des Stiftes Keppel unter besonderer Berücksichtigung der Höfe Sterzenbach, des Freien Hofes Schreiberg, des Hofes Schreiberg und der Henken-Hube geschrieben hat. (S. Heimatland, Jahr. 1935, Beilage der Siegener Zeitung).
   Zunächst verdient hervorgehoben zu werden, dass viele Bilder von der Arbeit im Hauberg das Buch schmücken, das jetzt in seinem 1. Teil abgeschlossen ist. Eine sehr aufschlussreiche Abhandlung über die Entwicklung der Siegerländer Haubergwirtschaft (Wald-, Feld- und Weidewirtschaft), Entstehung der Haubergverfassung, die der Waldverwüstung ein Ende setzte, Entstehung der Jähne, wirtschaftliche und soziale Bedeutung des Haubergs, bildet den ersten Abschnitt der Chronik. Es wird berichtet, dass das Schatzungsregister der Stadt Siegen von 1599 eine Meste Hauberg mit 50-60 Gulden, Garten jedoch nur mit 20, Acker gar nur mit 3 Gulden bewertete. Weiter wird geschildert die allmähliche Entwertung der Hauberge durch Steinkohle und Koks, lohnende Beschäftigung in der Industrie. Es gab im Siegerland von jeher keine äußerste Armut, kein Proletariat. Der Hauberg ermöglichte Arbeit und Brot, er gab alten und invaliden Leuten Gelegenheit zur Arbeit, und keiner brauchte der Armenpflege anheimzufallen. Die Beschäftigung im Hauberg hielt stets in Berührung mit der Natur und mag die Wurzel sein der tiefen Religiosität der Siegerländer.
   Der Bericht gibt Vergleichszahlen über die Haubergflächen, getrennt nach den verschiedenen Nutzungsarten, sowohl für das gesamte Siegerland als auch für die Hauberggenossenschaft Schreiberg-Sterzenbach, die eingehend in Bezug auf Bewirtschaftung und Besitzverhältnisse behandelt ist. Aufschlussreich ist die Beschreibung des Kohlenbrennens, die Übersicht über die Entwicklung der Holzkohlen- und Lohpreise, prächtig die Schilderung des Steubierfestes und die alten Bräuche beim gemeinschaftlichen „Hoachen“ wie auch des Gemeinschaftstrunkes zur „Olper Zitt“. Das alles ist so lebendig, so anheimelnd geschildert. Es ist eine Freude zu lesen.
   Wichtig sind die Aufzeichnungen über die Aufforstungen, die in der Hauberggenossenschaft Schreiberg-Sterzenbach 1890 nach dem Bahnbau, der die Haubergschlageinteilung über den Haufen warf und die Wegeverhälnisse im Hauberg verschlechterte, begannen. Es fehlt auch nicht eine Schilderung über die Rindvieh- und Schweinehude in dem engeren Bezirk. Im Jahre 1890 hörte das gemeinsame Hüten im Hauberg auf, die Schweinehude bestand bis 1850. Nicht vergessen in der Chronik sind die Verhältnisse in den Kriegs- und Inflationsjahren, und auch die in den Jahren 1932/33 durch den freiwilligen Arbeitsdienst in großem Umfange geschaffenen Waldwege sind erwähnt. Ein besonderes Kapitel hat der Verfasser , der als eifriger Verfechter der Backenjagd und vorbildlicher Wildpfleger bekannt ist, dem Jagdverhältnissen gewidmet. Daneben ist auch das in Naturschutz und Landschaftsverschönerung Geschaffene gewürdigt. Angeschlossen ist eine Übersicht über die Reihe der forstlichen Verwaltungbeamten im Kreise Siegen wie auch über die Reihe der Haubergvorsteher der Hauberggenossenschaft Schreiberg-Sterzenbach. Das letzte Kapitel des Buches zieren Bild und Beschreibung des Löns-Gedenksteins auf dem Bühlberg, der übrigens von dem Verfasser selbst geschaffen ist, wie auch die Anlegung des „Anna-Ursula-Brunnens“ im „mittelsten Stück“ - zum Andenken an zwei Hoffrauen im 16. Jahrhundert – das Werk seiner Arbeit ist.
   Heimatfreude und Heimatstolz empfindet man beim Lesen der Chronik, und man ist dankbar dem Manne, der mit so reichem Verständnis und mit so viel Aufwand an Zeit und Kraft den Blick in die Vergangenheit unserer Heimat öffnet. Für ihn ist der Hof kein beliebiges altes Haus, sondern die einzige Stätte in der großen Welt, die dem Leben eines richtigen Bauern Inhalt und Erfüllung geben kann und die für alle Sippenangehörigen Inbegriff der Heimat bleibt.

Bericht der Siegener Zeitung 19. Dezember 1941

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