100 Jahre Bauernschenke Heide Vormwald im Wandel der Zeit
Vormwald
. Als im Jahre 1833 die neue Straße von Hilchenbach nach Lützel gebaut wurde – der Arbeiter verdiente pro Tag 50 Pfennig und die Fuhrleute 1 Taler – erübrigten sich die Wirtschaften Schmidt und Pachtersch, die an der Alten Landstraße lagen, die durch das Dorf führte und weiter in die tiefen, ausgefahrenen Hohlwege durch das Hintel an der Burgruine Ginsberg vorbei zum Giller sich schlängelte. Nun versuchte der Hof Schreiberg erneut, die Wirtschaftskonzession zu bekommen, da er an der neuen Landstraße lag. Doch wurde es mehrmals abgelehnt, da an dieser Straße schon zwei Wirtschaften lagen. Wie primitiv damals diese Wirtschaften waren, geht daraus hervor, dass in einer Wirtschaft nur ein Schnapsglas vorhanden war – es war weit größer, als sie heute sind – und reihum ausgetrunken wurde, wenn mehrere Gäste einkehrten.
   Viele Pferde- und Ochsengespanne belebten auch vor 100 Jahren die Straßen, mussten doch von Kreuztal aus lebenswichtige Waren ins Wittgensteiner Land gefahren werden, da noch keine Eisenbahn dorthin führte (sie wurde erst in den Jahren 1884 bis 1888 erbaut). Selbst den Kalk zum Düngen ihrer Felder mussten die Bauern mit ihrem Gespann von dort, ja sogar von Grevenbrück holen. Die Holzkohlen, die in dem großen Waldgebiet von Lützel und Umgebung gekohlt wurden, kamen alle ins Siegerland, da erst 1860 durch die Eisenbahn die Steinkohle aus dem Kohlenpott gebracht werden konnte. Da die beiden oben angegebenen Wirtschaften in Vormwald keine Stallungen hatten, der Hof Schreiberg aber über entsprechenden Raum verfügte, so wurde ihm 1864 die Wirtschaftskonzession erteilt.
   In dieser Zeit kamen alljährlich an die 5000 bis 6000 Karren Kohlen am Hause vorbei, die alle an die zahlreichen Industriegebiete des Siegerlandes lieferten. Der Stall und die Betten waren dann immer von den Kohlenfuhrleuten besetzt. Reichten die vorhanden Betten nicht, so wurden Strohlager in der Gaststube gemacht. Diese Fuhrleute hatten dann inklusive Abendessen und Morgenkaffee 75 Pfennig zu zahlen. Diejenigen, die in Betten schliefen, 1 bis 1,50 Mark, je nachdem wie das Essen war. Die Gäste, die tagsüber in der Wirtschaft einkehrten, konnten für 15 Pfennig frühstücken, da ein Schnaps nur 5 Pfennig kostete, ein Reihe-wecken 5 und ein Handkäschen ebenfalls nur 5 Pfennig. Heute ist dieses Frühstück nicht mehr üblich, es ist zu gewöhnlich. Dafür gibt es heute im Hof Schreiberg echte „Sejerlänner Schenkedonge“ mit noch selbst-gebackenem Bauernschwarzbrot und Bauernschinken, die weit über die Grenzen des Siegerlandes hinaus bekannt sind.
   Im Jahre 1902 kam die letzte Karre Kohlen durch Vormwald, die ein Benfer (Wittgensteiner) Fuhrmann vor das Haus stellte, um hier zu übernachten. Am anderen Morgen war von seiner Karre, die man auch Kärze nannte – die hohen Seitenwände, Kopf- und Hinterteil waren nicht von Brettern, sondern von geflochtenen Weidenzweigen – nichts mehr da als die Eisenteile, sie war verbrannt. Der Fuhrmann hatte den Meiler zu früh aufgeladen. Ein kleines noch glühendes Kohlenstück, welches er nicht wahrgenommen hatte, war in der Nacht durch den aufkommenden starken Wind wieder zu Feuer geworden, und so kam er um seinen Fuhrlohn und der arme Kohlenbrenner um seinen wochenlangen Verdienst. Viel bitteres und Schweres haben die Schreiberger Hofleute erlebt. Von 1461 bis 1582 waren sie dem Siegener Fürstenhaus hörig. Dann wurde auch dieser Hof vom Kloster Keppel geschluckt, das sich etwa von der Gründung 1220 bis 1806 über 100 Höfe angeeignet hatte, einen riesigen Waldbesitz, Hütten, Gruben und Häuser.
   Viel weiß die Hofchronik noch zu erzählen von einquartierten und durchziehenden französischen und russischen Soldaten. Sie sahen in Hilchenbach in einer Zeit menschlicher Verwirrungen, wie man dort Leute verbrannte, die man der Hexerei beschuldigte. Sie sahen auf dem Galgenberg Bösewichter baumeln, sogar einen Vormwälder Schweinehirten, der einen Mord begangen hatte. Es gab Hexereien, die aus einem verfehmten Haus betrieben wurden, das im Besitz des 6. Buches Moses war. Es wurden Kühe verhext, Fuhrleute auf der Straße festgebannt, dass die Pferde nicht mit Güte und Gewalt fortzubringen waren, bis sie der Hexenmeister wieder löste. Und eines Morgens, als die Mäher zum Mähen gingen, es war noch dunkle Nacht, sahen sie die Umrisse einer dunklen Gestalt, die einen feurigen Knüppel schwenkte. Erschreckt kehrten die Mäher wieder um und gingen einen anderen Weg, der zur Wiese führte.
   Doch auch für die gequälten und geknechteten Bauern schlug endlich nach 400jährigem Frondienst die Erlösungsstunde. Als 1806 Westfalen französisch wurde, nahm Napoleon dem Kloster alles ab und befreite die Bauern 1808 von der Leibeigenschaft. Der Hof Schreiberg wurde 1862 frei, doch musste das Kaufgeld, obschon es nicht hoch war, von der Landesbank in Münster geliehen werden.

Bericht der ? Zeitung Donnerstag von 1965

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