Keine Lust zum Schneeschippen – Aus der Geschichte des „Siebeln Hofes“
Vormwald, 15 Sept. Vor rund hundert Jahren hieß das Dorf Vormwald noch „Vor dem Walde“, und noch einige Jahrhunderte weiter zurück gab es gar kein Dorf Vormwald, sondern nur eine kleine Gruppe großer Bauernhöfe, die Lehnsgüter des Stiftes Keppel waren. Der bekannteste ist der Freihe Hof Schreiberg, aus dessen Vergangenheit viele Einzelheiten bekannt sind.
   Ein anderes altes Vormwalder Haus, das zu den Keppelschen Lehnsgütern gehörte, ist der „Siebeln Hof“. Das Haus war zuletzt im Besitz der Familie Krämer. Der letzte Eigentümer, Heinrich Eduard Krämer, starb vor einigen Wochen in hohem Alter und vererbte das Haus samt Grundbesitz an eine Hilchenbacher Familie. Die Erben sind zur Zeit dabei, das Haus zu renovieren und umzubauen.
   Bei den Bauarbeiten wurden ganze Stapel alter Urkunden und Akten gefunden, die Einblicke in die Geschichte des Siebeln Hofes, aber auch der Gemeinde Vormwald gestatten. Der Großvater des letzten Besitzers namens Krämer hatte 1840 in das Haus eingeheiratet. Sein Schwiegervater war Johann Heinrich Helmes, Bauer und Bürgermeister von Vormwald.
   Aus Verträgen, die Johann Heinrich Helmes mit dem Stift Keppel schloß, geht hervor, dass der Hof durch eine Convention vom 23. August 1759 bestimmte Auflagen gemacht bekam und am 26. Juli 1764 der Familie Helmes zum Erblehen gegeben wurde. Der Hof ging zwischen 1825 und 1840 endgültig in den Besitz der Familie über. Auf ein letztes Recht, das aus den alten Lehnsverträgen herrührte, nämlich die Lieferung von Holz für Reparaturen und Umbauten des Hofes, von Seiten des Stiftes Keppel verzichteten die Besitzer im Jahre 1844.
   Interessant ist die Abschrift eines Briefes, den Johann Henrich Helmes im Auftrage der Einwohner Vormwalds als Bittschrift an die Regierung in Arnsberg schickte. Im Jahre 1830 waren die Planungen zum Bau der Provinzialstraße im Gange, die heute von Hilchenbach nach Lützel führt. Die alte Straße verlief durch den Grund des Tales und offenbar direkt unterhalb des Krämerschen Hauses entlang. Die Vormwalder Bauern fürchteten, dass die neue Trasse zu viel Ackerland in Anspruch nehmen würde. Sie plädierten deshalb für die Beibehaltung der Straßenführung durch den Talgrund, da hier bei einer Erweiterung der Straße nur relativ wertloses Wiesengelände verloren ging. Schließlich protestierten die Vormwalder energisch dagegen, unentgeltlich auf der alten Straße im Winter Schnee fegen zu müssen. Die Proteste scheinen jedoch, was die Straßenführung angeht, nichts genutzt zu haben.
   Johann Henrich Helmes zog auf seine Weise aus der Verlegung der Straße, die nun oberhalb seines Hauses vorbeiführte, die Konsequenzen. Im Hause war eine Fuhrmannskneipe betrieben worden, zu der der Zugang über die neue steile Straßenböschung behindert wurde. Deshalb wurde dem Haus ein Anbau angefügt, der von der Provinzialstraße direkt und vom Altbau über den Speicher zu erreichen war. Die im Anbau betriebene Fuhrmannskneipe scheint sich allerdings nur solange gehalten zu haben, bis der Eisenbahnbau dem Fuhrbetrieb ein Ende setzte.
   Die zur Zeit vorgenommenen Umbauten an dem alten Haus dienen vornehmlich dem Zweck, das Gebäude für moderne Wohnansprüche herzurichten. Nicht zuletzt aber ist der Bauherr mit Begeisterung dabei, durch Freilegung des Fachwerks dem Haus sein ursprüngliches Gesicht wiederzugeben. Auch ließ er aus heimatpflegerischen Rücksichten ein Schieferdach aufbringen, obwohl die Genehmigung für ein billigeres Blechdach vorlag. In seinen Bemühungen wird der jetzige Besitzer von Kreisoberbaurat Kienzler tatkräftig unterstützt. In Zusammenarbeit mit den Behörden des Denkmalschutzes soll das Haus möglichst stilecht renoviert werden. Der alte Hausrat – Spinnrad, Truhen und anderes – verbleibt im Hause. Die Urkunden und mehrere alte Bibeln und Andachtsbücher sollen in der Diele in Glasvitrinen untergebracht werden.
   Nicht nur das Krämersche Haus ist in Vormwald sehenswert. Entlang der Provinzialstraße und auch im Unterdorf findet sich eine ganze Reihe gepflegter Fachwerkbauten, die zu den schönsten und ältesten des Siegerlandes zählen. Die waldreiche Umgebung, die vielen Möglichkeiten zu erholsamen Spaziergängen rund um das Dorf und die ganze friedliche Atmosphäre diese Winkels vor dem Walde lassen Vormwald wert erscheinen, Ziel einer Stippvisite zu sein.

Bericht der Siegener Zeitung Freitag, 15. September 1961

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