Bericht über die Kämpfe in und um Vormwald während des Zweiten Weltkrieges (April 1945)
Aufgezeichnet von Emil Johann Friderici

Die Schilderung der verzweifelten Rückzugskämpfe, die sich in den ersten Apriltagen 1945 im Siegerland abspielten und für das Dorf Vormwald bei Hilchenbach in der Nacht zum 8. April ihren Höhepunkt erreichten, kann ich nicht aus persönlicher Anschauung niederschreiben, ich muss mich vielmehr auf die Berichte mehrerer glaubwürdiger Bewohner des Dorfes, die diese Vorgänge mit offenen Augen und wachen Sinnen verfolgt haben, stützen. Ihre Aussagen bilden die Unterlagen zu den nachfolgenden Aufzeichnungen.
   Es ist wohl angebracht, dass ich zuerst die Namen meiner Gewährsleute, denen ich die Verantwortung für die Richtigkeit ihrer Aussagen überlassen muss, voraufschicke. Von dem derzeitigen Bürgermeister (Gemeindevorsteher) des Dorfes, Karl Stein, an den ich mich wandte, als ich mit meiner Schwiegertochter Frau Friderici in Düsseldorf, der Witwe meines bei diesen Kämpfen gefallenen Sohnes Otto, im Mai 1947 eingehend über die Ereignisse jener Tage und noch mehr Nächte unterhalten konnte, erfuhr ich allerlei. Herr Stein deutete, als er gegen Abend mit uns zu den Soldatengräbern ging, auf ein Haus am Berghang oben am Rande des Waldes, das in den nachfolgenden Schilderungen auch eine Rolle spielt. In diesem Haus wohnte das Ehepaar Karl Krämer, bei dem wir am anderen Morgen versprachen und einiges Nähere erfuhren über die letzten Stunden meines Sohnes, da er kurz vor seinem tragischen Ende mit einem Kameraden dort gewesen war.
   Wertvolle Anhaltspunkte für die Kämpfe verdanke ich außer dem genannten Ehepaar – vielmehr trafen wir bei unserem Besuch nur Frau Krämer an – auch dem einheimischen Walter Moll, in dessen Hause meine Schwiegertochter mit dem Kind eine Nacht zubrachte, wodurch ich diese Familie kennen lernte. Ich selbst war durch die freundliche Vermittlung des Bürgermeisters Stein bei der in seiner Nachbarschaft wohnenden Familie Wilhelm Vorländer in Quartier und erfuhr in angeregter Unterhaltung mit dem schon ziemlich betagten Ehepaar nun auch mancherlei, was meinen Arbeiten sehr zustatten kam.
   Der unselige, für Deutschland schon längst verloren Zweite Weltkrieg neigte sich seinem Ende zu. An den meisten Fronten waren die Kampfhandlungen bereits eingestellt, es war nur noch ein letztes Aufflackern der von gewissenlosen Elementen entfesselten und ganz aussichtslosen Feindseligkeiten der deutschen Wehrmacht, widersinniger Durchbruchsversuche aus der eisernen Umklammerung durch die Alliierten. Die Amerikaner standen bereits am Rhein und die Drahtzieher in Berlin und anderwärts zitterten um ihr Leben. Die unsinnige, verbrecherische Verlängerung des verlorenen Krieges, deren Urheber angesichts ihrer verlorenen Sache bewusst ein Chaos herauf führen wollten und auch leider herauf führten, zeitigte allenthalben an den verschiedenen Fronten Vorgänge, die jedem menschlichen Empfinden zuwider liefen und späteren Generationen unverständlich erscheinen müssen.
   Die Kämpfe, die in letzter Stunde noch in das sonst so friedliche Siegerland hineingetragen wurden, hielten schon einige Zeit an, ohne aber zunächst das so ruhig in einer waldbekränzten Talmulde gebettete Vormwald zu berühren. Schon glaubte die Bevölkerung, aufatmen zu können, aber mit jedem Tag zu Anfang April, zuletzt in jeder Stunde, steigerte sich die Unruhe in der Bevölkerung des Dorfes, die den erst fernen, dann ständig deutlicher werdenden Kanonendonner der aus der Richtung Erndtebrück-Lützel vorrückenden amerikanischen Truppen vernahm und erhöhte Vorsorge traf, sich, soweit es angängig, auch ihr wertvolleres Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Mit dieser „Sicherheit“ war es jedoch nicht weit her. Ein Bunker, wie man in anderwärts in den Städten und größeren Ortschaften überall fand, war hier nicht vorhanden, und die als Luftschutz verfügbaren, nicht tiefen Keller boten wenig, eigentlich gar keinen Schutz etwa gegen einschlagende Bomben und Granaten. Bomben waren kaum mehr zu befürchten, der entsetzliche Bombenterror war bereits abgeflaut und schon glaubte man, dass die Gefahr vorüber sei, als in der Nacht zum 5. April die ersten Granaten der Amerikaner im Dorf einschlugen und in der Bevölkerung panischen Schrecken auslösten. Rette sich, wer kann! War die Parole.
   Der Beschuss kam aus der Richtung Erndtebrück, von Altenteich her, um das in letzter Zeit erbitterte Kämpfe tobten, weil sich dort ein unterirdisches Munitionslager befand, aus dem unsere Truppen aller Gattungen ihre Munition fassten. Über Hof Ginsberg rückten die Amerikaner unaufhaltsam vor, über Lahnhof-Hohenroth auf der Straßenkreuzung Kronprinzeneiche drangen sie immer mehr zum Bahnhof Vormwald auf der bewaldeten Höhe oberhalb des Dorfes vor. Diese Vorgänge spielten sich in der Zeit bis zum 7. April morgens ab.
   An diesem Morgen setzten die Amerikaner von der Bergkuppe Hindel aus zum Kampf an um das Dorf, das zu dieser Zeit rund 350 Einwohner bei 50 Wohnhäusern zählte. Vom Hindel aus arbeiteten sich die amerikanischen Fußtruppen bis zur Bergkuppe Siebelnhöhe vor. Um jene Zeit befand sich die deutsche Infanterie, die im Erdbeschuss eingesetzt war, durch das ganze Dorf verteilt, während am Friedhof und „am Ast“ der bekannten Bergkuppe, die Flakartillerie mit ihren 2-cm- Geschützen Aufstellung genommen hatte. An diesem Morgen erfuhren die verängstigten Bewohner des Dorfes von einer im Watzenseifen stationierten Funkstelle aus durch unsere Soldaten, dass sie jetzt wohl bald vom Beschuss erlöst sein würden, da die Amerikaner zum vollen Angriff angesetzt hätten.
   Um die Mittagsstunde waren aus der Richtung Hindel und Siebelnhöhe die ersten Amerikaner ins Dorf eingedrungen, wurden jedoch von unseren im verzweifelten Heldenmut sich wehrenden Truppen - sogar mehrmals – zurückgeschlagen. Diese erbitterten Kämpfe hielten die folgende Nacht an, wobei im oberen Dorf ein Doppelhaus, das auf der einen Seite von der Familie des Invaliden Wilhelm Vorländer und der seines Sohnes Gustav, auf der anderen von dem Invaliden August Jüngst bewohnt war, in Brand geschossen wurde und zwar nicht durch die Amerikaner, sondern durch einen unserer Tigerpanzer, deren im Raum Hilchenbach-Vormwald zwei eingesetzt waren. In dieser Nach setzte dann schwerer Beschuss der amerikanischen Panzer und Granatwerfer ein, der bis morgens zwischen 8 und 9 Uhr anhielt. Um diese Stunde rückten dann die amerikanischen Truppen von den oben erwähnten Höhen in das obere Dorf endgültig ein und waren um 12 Uhr mittags bereits bis zur Dorfmitte vorgerückt.
   Inzwischen hatten die Amerikaner auch die Höhe Steimel besetzt und von dort aus wie von der Dorfmitte her gelang es ihnen, unter schweren Kämpfen auch das untere Dorf zu besetzen, wobei die Werkstatt des Schreinermeisters Karl Lange in Flammen aufging und einige andere Häuser schwer beschädigt wurden. Bei dieser Gelegenheit hat sich dann der einheimische Alfred Roth schwere Verletzungen durch Verbrennen mit Phosphor zugezogen.
   Es blieb natürlich nicht aus, dass bei den Vorgängen jener Tage und Nächte einige Personen ihr Leben lassen mussten. Von Zivilpersonen waren es zunächst zwei: Joachim Vogt, der in der Nacht um Hilfe rufenden deutschen Soldaten beispringen wollte und dabei schon im nächsten Augenblick, von Maschinengewehrgeschossen durchbohrt, tot auf der Straße liegen blieb. Er war kein Einheimischer, vielmehr von Godesberg aus nach Vormwald evakuiert und in der Oberförsterei Vormwald-Hilchenbach tätig gewesen. Das andere Opfer war der von Siegen ebenfalls evakuierte Josef Krämer, der im Hause von Karl Weiss im Keller durch eine einschlagende Panzergranate ums Leben kam. Ein Fräulein Johanna Limper starb infolge der Aufregung.
   Als ein weiteres Opfer jener Schreckenstage ist hier noch die Frau Ida Stein, die Gattin des bereits erwähnen Bürgermeisters von Vormwald zu nennen, die aber nicht durch äußere Einflüsse wie Beschuss oder Granatsplitter ihr Leben verlor, sondern durch den Genuss verunreinigten Wassers, das sie außerhalb ihres Hauses – in dem übrigens auch Besatzung lag – trank und damit vergiftet wurde.
   Zu bemerken ist noch, dass bei Vormwald die Eisenbahnstrecke Kreuztal-Siegen des öfteren durch Tiefflieger heimgesucht wurde. Bis etwa drei Wochen vor Schluss verkehrte hier noch die Bahn einigermaßen regelmäßig. Tagsüber blieb der Zug allerdings in dem nahe gelegenen Tunnel am Watzenseifen stehen, um erst bei anbrechender Dunkelheit den Verkehr ins Wittgensteinsche nach Möglichkeit wiederaufzunehmen. Eines Morgens wurde der Zug kurz vor dem Tunnel durch Tiefflieger angegriffen. Zum Glück waren keine Fahrgäste mehr in den Abteilen, und das Zugpersonal war rechtzeitig abgesprungen. Von da an war es mit dem Eisenbahnverkehr aus, weil die Lokomotive des hier in Betracht kommenden Zuges 56 Einschüsse aufwies. Der Zug blieb vor dem Tunnel liegen, wurde nachmittags noch mehrmals angegriffen, diesmal durch große Brandkanister, durch deren Einwirkung ein in der Nähe liegendes Stück Tannenwald abbrannte. Zu gleicher Zeit wurde der Bahnhof Vormwald, bei dem zur Zeit 25 Kesselwagen standen, mehrmals durch Flieger angegriffen. Ebenso wurde Lützel, wo sich außer dem bereits erwähnten Munitionsdepot bei großen Gleisanlagen viele Güterwagen befanden, immer wieder das Angriffsziel der feindlichen Flieger. Auch die dort liegende Funkstation wurde immer wieder beschossen. An den Bahnhöfen Vormwald und Lützel befanden sich schon lange vor den Kampfhandlungen große Eisenbahngeschütze – 16 im ganzen - die jedoch nicht zum Einsatz kamen. Sie waren lediglich von der Kanalküste in die hiesige Gebirgsgegend geschafft worden. Soweit bekannt, haben die Amerikaner Vormwald mit Kanonen nicht beschossen, wohl aber Hilchenbach vom Nachmittag bis zum Abend des 8. April.
   In großen Umrissen sind damit die Vorgänge der schwersten Stunden, die Vormwald, die das ganze Siegerland seit dem Dreißigjährigen Krieg erlebt hat, geschildert. Dass es an einzelnen, teils herzzerreißenden Episoden in jenen Tagen auch in dem anmutigen, freundlichen Dorf Vormwald nicht gefehlt hat, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Der Höhepunkt der Schrecken war auf alle Fälle die Nacht zum 8. April. An diesem Tag hörte man morgens zwischen 8 und 9 Uhr den Beschuss durch Panzer und Granatwerfer nicht mehr, er hörte sozusagen plötzlich auf, da um diese Zeit die Kampfkraft unserer Truppen gebrochen war, bis auf zwei 2-m- Flakgeschütze am Friedhof, die noch bis zum letzten Augenblick unsere abrückenden Truppen gedeckt hatten, wobei zwei Soldaten ihr Leben lassen mussten. Der furchtbare Kriegslärm verstummte mit einem mal. Bei den beiden Soldaten handelt es sich um den Obergefreiten Ernst Aufrecht aus Großasbach und einen Soldaten, der nicht identifiziert werden konnte, da man nur eine Erkennungsmarke mit Nummer, sonst aber keine Ausweise bei ihm fand.
  Die Sieger benahmen sich, soweit bekannt wurde, nach Einstellung der Feindseligkeiten der Bevölkerung gegenüber, die sich nach dem überstandenen Schrecken nach und nach wieder aus ihren Schlupfwinkeln hervor wagte, anständig. Die größte Aufregung für die Dorfbewohner kam eigentlich erst, als sie zur Besinnung kamen und es hieß, sie müssten räumen, da noch mehr Besatzung einrückte. Dass gewisse Elemente unter den Amerikanern sich nicht einwandfrei aufführten, sei nur nebenbei erwähnt, da sie offenbar die so genannte Ausnahme von der Regel bildeten. Wie man später dann durch die amerikanischen Soldaten erfuhr, habe es sich bei den Ausschreitungen gegen die Bevölkerung nicht um reguläre Amerikaner, sondern um zusammen-gewürfelten Soldateska gehandelt, deren Benehmen von keinem anständigen Amerikaner beschönigt oder gar gutgeheißen werde. Das muss angesichts des Verhaltens der amerikanischen Soldaten nach Einstellung der Kampfhandlungen glaubhaft erscheinen. So wagten sich z. B. die Kinder, die natürlich ängstlich waren, allmählich an die Amerikaner heran, die den Kindern etwas gaben, Schokolade, Kaugummi oder dergleichen, was das Zutrauen der Kinder erheblich steigerte.
   Es sind auch noch mehrere andere unserer Soldaten bei den Kämpfen gefallen, die hier, weil zur Sache gehörend, aufgeführt seien: Heinz Brückenhaus, Obergefreiter aus Krefeld; Johann Engels aus Spich; Paul Grosse aus Troisdorf; Jakob Hensgen aus Siegburg; Otto Friderici, Stabsgefreiter aus Düsseldorf, der zusammen mit Jakob Hensgen fiel; Heinrich Junker aus Kassdorf (Bezirk Kassel); Johann Kölmel, Landesschütze aus Oetigheim (Baden). Amerikanische Soldaten sind ebenfalls bei den Kämpfen gefallen, doch wurde ihre Anzahl nicht bekannt, weil sie gleich mit dem Auto fortgeschafft wurden.
   An dem Tage, an dem die Amerikaner in Vormwald einrückten, kamen auch zwei russische Kriegsgefangene ums Leben, während ein dritter schwer verletzt wurde. In dem mehrfach erwähnten Tunnel am Watzenseifen hatten sich vor dem Beschuss außer Einheimischen auch über 20 Russen in Sicherheit gebracht. Die Insassen des Tunnels hatten letzteren übrigens an beiden Eingängen durch Bretterverschläge geschlossen, um der sonst unvermeidlichen Zugluft zu entgehen. Einige hatten sich dort häuslich eingerichtet, soweit dies in der gebotenen Eile möglich gewesen war. Als der Beschuss dann einmal nachließ, kamen einzelne, von Hunger getrieben, aus ihrem Versteck hervor, und dabei wurden dann mehrere erschossen. Die beiden gefallenen Russen wurden mit den deutschen Soldaten am 10. April auf dem kleinen Gemeindefriedhof beerdigt. Im ganzen waren es zehn Gefallene. Von diesen wurden später die Soldaten Engels, Aufrecht und Kömel wieder ausgegraben und in ihre Heimat übergeführt. Die Gefallenen wurden ohne Särge, nur in ihre Mäntel gehüllt, bestattet.
   Die folgenden Unterlagen stellte Karl Krämer zur Verfügung. Am 8. April morgens gegen 8 Uhr war eine Abteilung Soldaten unserer Wehrmacht mit einem Maschinengewehr an dem Haus vorbeigekommen. Das Ehepaar Krämer ging ihnen nach und fragte sie, was sie vor hätten. Sie hätten Befehl, eine Stellung mit dem Maschinengewehr einzubauen. Krämer erklärte ihnen, dass dies angesichts der erdrückenden Übermacht der Amerikaner, die zum großen Teil schon ganz in der Nähe waren, keinen Zweck mehr habe und rieten ihnen, sich zu ergeben. Die Soldaten sagten daraufhin, sie hätten einmal den Befehl, und der müsste ausgeführt werden. Weil nun plötzlich seitens der Amerikaner die Schießerei wieder los ging, eilten Krämers in ihr Haus zurück und dort in den Keller. Etwa eine Viertelstunde später hörten die beiden ein Geräusch an der Tür der Waschküche. Als sie nach sahen, standen zwei Soldaten davor, von denen der eine ein Maschinengewehr, der andere (mein Sohn, den Frau Krämer nach einem Lichtbild, das ich ihr zeigte, sofort als einen der beiden Soldaten wiedererkannte) einen Munitionskasten und einen Gurt mit Patronen getragen habe. Krämers rieten den beiden, das Maschinengewehr draußen zu lassen und zu ihnen in den Keller zu kommen. Einer war dazu bereit (offenbar mein Sohn), der andere erklärte, sie hätten den Befehl, ihre Waffe nicht im Stich zu lassen und eine Maschinengewehrstellung einzubauen. Krämers boten ihnen ein weißes Tuch an, mit dem sie ihre Bereitschaft, sich zu ergeben, anzeigen sollten. „Haben wir selbst!“ sagte der mit dem MG, indem er wein weißes Tuch aus der Tasche zog. Alles Zureden half nichts, die beiden Soldaten begaben sich in die nahe dem Hause gelegene Talmulde, wo sie kurz nachher schon erschossen bei dem MG und der Munition aufgefunden wurden. Sie wurden mit den übrigen Gefallenen am 10. April auf dem nahen Friedhof beerdigt. Die sechs anderen Soldaten am Waldesrand waren klüger und besonnener gewesen, hatten sich den anstürmenden Amerikanern ergeben und kamen so mit dem Leben davon.

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