Oberforstrat Altrogge führte schonenden Abtransport vor – Schlepper nur noch mit Breitreifen im Einsatz
Hilchenbach.
„Wie kommen eigentlich die Bäume aus dem Wald?“ - das war das Thema der Waldexkursion, zu der Oberforstrat Diethard Altrogge vom Forstamt Hilchenbach die Medien eingeladen hatte. Um es vorweg zu sagen: die Bäume werden im Siegerland mit Ochsen – einmalig in Europa -, Pferden, Schleppern und großen Transportern aus dem Wald gezogen und abgefahren. Man hielt es einmal für einen großen technischen Fortschritt, mit Traktoren in den Forst fahren zu können und mit relativ geringer menschlicher Kraft und Aufwand das Holz auf dem Weg zu bringen. Doch auch hier, wie so oft, zeigte sich mit dem wachsenden Umweltbewustsein und aufgrund forstwirtschaftlicher Erfahrung, dass das Leichtere nicht unbedingt auch das Bessere ist.
   Seit rund 100 Jahren belastet unsere Industriegesellschaft die Böden mit Schadstoffen aus der Luft, im Niederschlag, durch intensive Düngung, den Einsatz von Pestiziden, die Versiegelung per Straßen- und Hausbau und auch durch forstlich unüberlegte Maßnahmen. Früher glaubte man, der Boden verkrafte diese Schadstoffeinwirkungen. Riskiken für das Grundwasser erkannte man genauso wenig wie die Belastung der Pflanzen und Lebensmittel. Heute weiß man, dass die natürliche Filter-, Puffer- und Speichereigenschaften des in Jahrtausenden entstandenen humosen Bodens begrenzt sind. Umweltschäden werden sichtbar, die sich praktisch nicht mehr beseitigen lassen. Vor allem Schwermetalle werden nicht mehr aufgenommen und laufen von der Oberfläche ins Sickerwasser. Darum ist der Schutz der Böden zu einer drängenden Aufgabe der Umweltpolitik geworden. Sie hat für die Menschheit und ihre Lebensqualität die gleiche existentielle Bedeutung wie der Schutz der Gewässer und die Reinhaltung der Luft.

Rückeschäden in Millionenhöhe

   Unzweckmäßige Rückeverfahren und Rückegeräte führen zu erheblichen Schäden im Bestand, die vor allem am Stamm, an den Wurzeln und am Boden auftreten. Nach unpfleglicher Durchforstungsrückung mit Schleppern betrug bei schwedischen Untersuchungen die lebende Wurzelmenge auf dem Rückeweg nach drei Jahren nur noch 27 Prozent, beim Rücken mit Pferden aber 99 Prozent. Außerdem verursachte das Schlepperrücken Schäden Baumrinden, das Pferderücken dagegen keine. Waldbaulich sind Rückeschäden in Durchforstungsbeständen deshalb so schwerwiegend, da nach Beschädigung von Zukunftsbäumen ein Ersatz nur mit Zuwachsopfern und zeitweise herabgesetzter Bestandssicherheit erkauft werden kann. Beim flächigen Befahren der Waldböden, also ohne die Anlage von Rückegassen, wird die Funktion des Bodens als Wurzelmedium und Lebensraum für Bodentiere empfindlich beeinträchtigt. Es kommt zu einer Sauerstoffverarmung im Oberboden. Bodentiere und Wurzeln meiden die Bereiche, und die Lockerheit und natürliche Regenration fällt ab. Die Waldböden erleiden eine Strukturverschlechterung, die mittelfristig zu irreparablen Bodenschäden führt. Oberforstrat Altrogge: „Durch unsachgemäßes Holzrücken entstehen jährlich Verluste in Millionenhöhe.“
   Es ist darum kein Schwelgen in Nostalgie, sondern ökologisch sinnvoll und notwendig, wenn zum Rücken der gefällten Bäume wieder Pferde zum Einsatz kommen. Das Land Nordrhein-Westfalen fördert diesen Einsatz der Rückepferde mit 6 DM je Festmeter und den Einsatz von Pferd und Schlepper mit 3 DM je Festmeter. Die Ochsen Rudi und Kaspar, mit denen Helmut Vorländer aus Vormwald an Steilhängen im Siegerland Holz rückt – gewissermaßen aus persönlicher Passion und Liebe zu den Tieren – sind, laut Ministerium, „im Sinne der Rückerichtlinien als Pferde zu betrachten“. Immerhin rückt Helmut Vorländer mit ihnen jährlich etwa 400 Festmeter Holz. Er tut es in guter Siegerländer Landwirtschaftstradition, in der Zugochsen früher vielseitig eingesetzt wurden. Das Rücken mit Pferden, wie es im Revier von Forstamtmann Horst Seifert von der Försterei Dahlbruch vorgeführt wurde, will gelernt sein. Die Förderungsrichtlinien für die forstliche Praxis schreiben ferner vor, dass zur Vermeidung von Bodenschäden nur noch Schlepper mit Niederdruck-Breitreifen zum Einsatz kommen dürfen. Die Umrüstung, die gleichzeitig neue Felgen und Schneeketten erfordert, ist sehr teuer. Sie ist nur über den Rückepreis aufzufangen. Umweltschutz hat eben immer seinen Preis.

Bericht der Siegener Zeitung 29. Mai 1989

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok